Das ist er also, der Smart City Expo World Congress in Barcelona. Ich bin ja immer skeptisch, wenn Dinge wie “Weltkongress” oder “Global irgendöbbis” im Titel einer Veranstaltung stehen. Bei mir regt sich da immer der Verdacht, dass man es dazu geschrieben hat, weil der Wunsch die Mutter des Gedankens ist.
Nach meiner Ankunft in der Fira Barcelona und den ersten zwei Stunden, die es brauchte, um mir auch nur ansatzweise einen Überblick über die über 1000 Aussteller zu verschaffen, muss ich zugeben: es ist tatsächlich ein Weltkongress. Länder über Länder und hunderte Firmen vom StartUp bis zum Grosskonzern stellen ihre Smart-City Programme und -produkte aus – mitunter natürlich auch nur das, was sie gern dafür halten.
Nachdem meine anfängliche Überwältigung ein wenig abgeklungen ist, setzt der Verstand wieder ein und bietet Gelegenheit, mich danach umzuschauen, wo smart tatsächlich drin steckt und wo es lediglich auf eine Fassade geschrieben steht. Meine subjektive Einschätzung gebe ich an dieser Stelle einfach mal ab: die Hälfte der Messestände hat mit smarten Lösungen nur in begrenztem Masse etwas zu tun.
SMARTE LÖSUNG ODER SMARTES MARKETING?
Das 78. E-Scooter-Modell zu präsentieren oder die 109. Smart Parking Plattform und blinkende Verkehrsschilder als besonders smart anzupreisen, überzeugt mich nicht. Smart heisst für mich: mit intelligenten (und nicht zwingend: digitalen) Mitteln die Lebenssituation von Menschen in Städten und Regionen unter Zuhilfenahme technologischer Möglichkeiten nachhaltiger, gesünder, effizienter und also besser zu gestalten.
Die unterschiedlichen Smart-City-Bereiche sind dabei sehr unterschiedlich stark auf der Messe repräsentiert. Während die Sektoren Mobility und Smart Living eindeutig die Schwerpunkte der Messe bildet, ist der Gesundheitssektor, in dem enorm viel Spannendes passiert, bedauerlich unterrepräsentiert. Das liegt unter anderem wohl daran, welche Branche für sich das Label “smart” in welchem Masse beansprucht.
Wie unterschiedlich auch das Verständnis für das Schlagwort “Smart Cities” tatsächlich ist, zeichnet sich für mich bereits im Verlauf des ersten Messetages ab. Von eher in asiatischen Regionen zu verortender Begeisterung für die aktuellste Gesichtserkennungssoftware geht es über ein breites Angebot im Sensorik- und Softwarebereich bis hin zu tendenziell “westlichen” Schwerpunkten wie Verkehrsberuhigung, digitaler Partizipation und Inklusion.
GESICHTSERKENNUNG HIER, INKLUSIVE MOBILTÄT DORT
Wenn ich das so schreibe, höre ich meine Tochter schon mit mir schimpfen, dass ich generalisierend allen Asiaten Begeisterung für Gesichtserkennung und allen Europäern eine soziale Ader zuschreibe. Das ist natürlich nicht der Fall. Was sich allerdings nicht ändern lässt, ist die Tatsache, dass die meisten Kameras, die menschliche Gesichter identifizieren und mit teilweise hochsensiblen Daten verbinden, nun einmal nicht im skandinavischen Pavillon hängen.
Die kulturellen Unterschiede beim Verständnis, was intelligente Stadtentwicklung ist, geben mir hier an der Smart City Expo einmal mehr zu denken. Was wir mit all der Technologie, die uns zur Verfügung steht, eigentlich erreichen wollen, lässt sich nicht einfach beantworten und schon gar nicht generalisieren. Sicher ist lediglich, dass auf der SMart City Expo zwei grosse Themen unserer Zeit aufeinanderprallen: “Freiheit” auf der einen, “Sicherheit” auf der anderen Seite.
Ebenfalls interessant finde ich, wie schwierig es vielen Herstellern immer noch zu fallen scheint, Brücken zwischen digitaler und analoger Welt zu schlagen. An zu vielen Ständen steht auch an der Smart City Expo nicht der Mensch, sondern ein Produkt oder ein Business im Zentrum. Da hängt dann leistungsstarke Technik an den Holzwänden der Stände - wem sie allerdings nützt und wie sie das individuelle Leben bereichern kann, kommt oft zu kurz.
DIE BRÜCKEN ZWISCHEN ANALOGER UND DIGITALER WELT
Je länger ich mit der sogenannten “Smartisierung” zu tun habe, desto klarer wird mir, dass die vermutlich grösste Herausforderung darin besteht, eine gemeinsame Grundlage zur Unterscheidung zwischen machbaren und wirklich nützlichen technologischen Lösungen zu definieren. Was, wie, mit wem und zu welchem Preis - all das sind berechtigte Fragen. Die wichtigste aber lautet immer noch: für wen das Ganze eigentlich?
In meinen Augen gewinnen hier das Rennen um die überzeugendsten Konzepte nicht unbedingt die Firmen mit dem grössten Marketing- und Geschäftsentwicklungsbudget, sondern die, die unter Einsatz von Technologie reale Probleme echter Menschen lösen - und nicht Produkte auf den Markt zwingen, die am Ende doch nicht genutzt werden oder im Zweifelsfall sogar neue, gänzlich unnötige Probleme kreieren.
Ein gutes Beispiel für eine gelungene Anwendung ist die App “FIXI”. An einem Miniatur-Stand am Rande des skandinavischen Pavillons steht ein Monitor auf einem Stehpult. Davor liegen ein paar türkise Jutebeutel zum Mitnehmen. Die meisten gehen an dem Stand vorbei - ich bleibe stehen. Nach 10 Minuten Unterhaltung mit Bastiaan habe ich den Verdacht, meinen Tagesliebling gefunden zu haben (ich meine die App, nicht Bastiaan).
KLEIN, ABER FEIN UND WIRKLICH NÜTZLICH: «FIXI» AUS HOLLAND
FIXI ist eine Plattform, über die Bürgerinnen und Bürger ihrer Stadtverwaltung melden können, wo sie im öffentlichen Raum ein Problem gefunden haben. Das kann von beschädigten Laternen über vermüllte Plätze bis hin zu verblassten Strassenmarkierungen gehen. Die frisch gestaltete, sehr einfach zu bedienende App aus den Niederlanden sortiert die eingeschickten Beiträge ihrer NutzerInnen direkt denen zu, die für die Behebung des Problems zuständig sind - und kreiert so einen realen Mehrwert im Alltag.
Was mir daran gefällt, ist die Tatsache, dass mit der App einem Bedürfnis vieler Menschen das nötige Werkzeug gereicht wird. Verantwortung für unsere direkte Umgebung zu übernehmen, liegt den meisten von uns. Wie oft sieht man im Alltag etwas, das einen stört - und unternimmt dann doch nichts dagegen oder macht seinem Ärger später auf Facebook oder Twitter Luft?
FIXI bietet die Möglichkeit, diesem Gefühl des “Das gefällt mir nicht” eine konkrete Handlung folgen zu lassen, die die notwendige Kommunikation zur Beseitigung des Problems anstösst. Natürlich kann man den Müll, der einen so stört, eigenhändig aufheben - aber wer macht das schon? Wenn man also keine Zeit hat oder sich die Hände nicht selber schmutzig machen mag, kann man mit FIXI immerhin dafür sorgen, dass sich jemand von offizieller Seite um das Problem kümmert.
ERWARTUNGEN EINERSEITS, VERPFLICHTUNG ANDERERSEITS
Dass Technologie dem Menschen dienen muss und nicht umgekehrt, ist eine Binsenweisheit, die man nicht oft genug wiederholen kann. Zu oft wird produziert und entwickelt, ohne den wichtigsten, nämlich den menschlichen Faktor in den Entstehungsprozess “smarter” Lösungen einzubeziehen. Dass daraus keine intelligenten Lösungen werden, sollte niemanden ernsthaft verwundern.
Hier hoffe ich auf einen gewissen Sinneswandel - auch auf der Kundenseite. So wie wir von Tech-Firmen erwarten dürfen, dass sie ihrer Verantwortung ihren KundInnen und damit oft eben auch: den BürgerInnen gegenüber wahrnehmen, so wie wir meckern dürfen, wenn unsere Verwaltungen sich nicht freiwillig in Bewegung setzen und sich auf andere Formen und Taktungen der Zusammenarbeit mit Privaten einlassen, so müssen zuletzt auch wir, die Bürgerinnen und Bürger, Nutzerinnen und Nutzer, genügend Kenntnisse im Bereich der Digitalisierung aufbauen. Sonst dürfen wir uns am Ende nicht beschweren, wenn über die Gestaltung unseres zukünftigen Alltags andere entscheiden.
Meinen zweiten Messetag werde ich etwas langsamer angehen lassen. Einen Apéro am kleinen Schweizer Pavillon habe ich mit angeregten Gesprächen verbracht, am Nachmittag werde ich mir noch einige Keynotes (so heissen die Vorträge hier) anhören. Gelohnt hat sich die Reise nach Barcelona ohne Frage. Zwar gibt es auch hier zwischen vielen heissen Themen eine nicht unwesentliche Menge heisser Luft zu vermelden - aber die Gelegenheit, an einem physischen Ort das breite Spektrum der digitalen Transformation unserer Gesellschaften vereint durchwandern zu können, ist wertvoll und erkenntnisreich.
Sollten Sie also zufällig gerade in Barcelona sein, schauen Sie vorbei auf der Smart City Expo. Die Tickets sind nicht gerade günstig, aber es lohnt sich durchaus. Den besten Kaffee gibt es übrigens bei Mark am aimsun-Stand in Halle 1 - und das auch noch ganz umsonst und inklusive netter Unterhaltung über gänzlich analoge, aber eben nicht minder wichtige Themen wie den richtigen Röstgrad von Arabicaböhnchen.
Alles Gute, bis bald,
Ihre SMarta.